Wandern mit Francesco
(Unser Wasser ist so sauber, daß es uns gestohlen wird.)
Laßt Euren Weg steil, anstrengend und schwierig sein, auf dass Ihr das atemberaubende Panorama, das Euch am Ende erwartet, nie vergessen werdet. Das in etwa ist ein Zitat von Edward Abbey, einem amerikanischen Schriftsteller mit starkem Interesse an der Umwelt, der 1989 starb.

Im Nachhinein denke ich, dass genau diese Worte Francesco Franceschi, einen bekannten Bergführer, dazu inspiriert haben, Naturliebhabern und Wanderern wie mir außergewöhnliche Ausflüge anzubieten. Ich hatte schon von ihm gehört, und als er die Möglichkeit einer Wanderung in Ligurien veröffentlichte (in meinem Blog geht es eigentlich um die Toskana), beschloss ich, mitzumachen. Wir würden von Santa Margherita Ligure aus loswandern, um über Portofino zum Kloster von San Fruttuoso, unserem eigentlichen Ziel, zu gelangen. Eine gute Gelegenheit, dieses winzige Fischerdorf zu besuchen, das sich zu einem der exklusivsten Orte der Welt entwickelt hat.

Der Tag hatte aufs Beste begonnen. Eine leichte Brise vom Meer zerzauste unser Haar und wir spürten, wie die Sonnenstrahlen sanft die Haut streichelten. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber für mich sind das die Voraussetzungen, die mich entspannen und beruhigen und mich die Seele baumeln lassen.

Für Francesco hingegen war es nur das erste von vielen Hindernissen, die es im Auge zu behalten galt, denn sein Programm verlangte Disziplin und ein gutes Zeitmanagement. Wer dachte wir würden nur einfach so ein wenig herumlaufen, hatte sich gewaltig getäuscht. Francesco verlangte zwar nicht, dass wir rennen, aber ein zügiges Tempo war doch angesagt. Unsere Gruppe bestand aus zwanzig, zweiundzwanzig Leuten, die sich unter einige wenige Einheimische und sehr viele Touristen mischten. Hier und da hielt er an und erzählte uns die eine oder andere Geschichte über die kleine Stadt. Für mich immer eine gute Gelegenheit, Fotos zu schießen.

Ehrlich gesagt dachte ich, dass unsere Wanderung am Strand entlang gehen würde, daher war ich überrascht, als Francesco den „Wanderweg nach Portofino“ wählte. Es handelt sich um einen Pfad, der sich nach oben schlängelt aber nicht so sehr, dass man sich hätte Sorgen machen müßen.

Auf unserem zum Teil engen Weg kamen wir an eleganten Villen im Jugendstil mit zauberhaftem Blick aufs Meer vorbei. Die kunstvolle Architektur mit ihrer detailreichen, ich würde fast sagen opulenten Gestaltung erinnerte an glorreiche, vergangene Zeiten. Sie klebten förmlich an den steilen Hängen, als hätten sie Angst herunterzufallen. Schier unglaublich schienen uns die auf winzigen Stückchen Erde angelegten Gärten. Sie waren so steil, daß spontan die Frage aufkam, wie es möglich ist, im Herbst das Gemüse und Obst zu ernten, dass im Frühling gesät worden ist.


Und dann natürlich der traumhafte Blick aufs Meer. Dunkelblaues Wasser, auf dem kleine, wie zufällig hingeworfene Boote schaukelten. Dazwischen funkelten Sonnenstrahlen, die das Wasser zart berührten.




Dann waren wir auf einmal in Portofino. Ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, dass mich das berühmte Dorf besonders verzaubert hat. Irgendwie verstehe ich nicht, was es so sehr von Santa Margherita Ligure, Paraggi, San Rocco oder Camogli unterscheidet. Für mich sind es alles Perlen, die von göttlicher Hand auf einen dreihundertdreißig Kilometer langen Faden aufgefädelt worden sind.



Francesco hatte eine Dreiviertelstunde eingeplant, damit wir uns umsehen konnten. Einige wollten Kaffee trinken oder zum Schloß hinauflaufen. Andere gingen Fotos schießen oder schlenderten einfach nur durch die engen, malerischen Gassen. Die Liste der auf zwei langen Wänden verewigten Namen von Künstlern und berühmten Persönlichkeiten, die in Portofino gelebt haben, war beeindruckend. Hier fanden rauschende Feste statt. Es wurden Romane geschrieben, Bilder gemalt und Filme gedreht. Man hat gearbeitet, geheiratet und genüsslich gegessen und getrunken. Einige liebten den Ort so sehr, dass sie sich dafür entschieden, in Portofino zu sterben.

Zur vereinbarten Zeit führte uns Francesco zurück auf den Weg Richtung Kloster San Fruttuoso. Mittlerweile befand sich die Sonne an der höchsten Stelle des Himmels, was den zweiten Teil der Wanderung sehr anspruchsvoll machte. Ehrlich gesagt hätte ich nie erwartet, unter so vielen Menschen zu sein, die bereit waren, ihre persönliche Komfortzone zu verlassen und ihre Grenzen auszutesten. Unter sengender Hitze mehrere Treppen hinaufsteigen, ein steiler, schier unendlich langer Pfad, reges hin und her von Touristen die entweder zum Kloster wollten oder zurückkamen. Völlige Windstille. All das beschreibt bestens was wir alle gedacht, aber teils aus Atemnot, teils aus Stolz nicht auszusprechen wagten. Francesco hätte sowieso nicht auf uns gehört, denn er musste dafür sorgen, dass wir nicht zu viel Zeit verlieren. Genau deshalb lief er mit geübtem, für ihn leichten Schritt forsch vor uns her.






Dann, in der Mitte dieses Dramas erschien plötzlich San Fruttuoso ziemlich weiter unter uns aber doch in nicht zu weiter Ferne. Die Farbe des Wassers, tief dunkelblau in der Mitte des Meeres und türkis gegen das Ufer hin war fast zu schön um wahr zu sein. Die Tatsache, daß zwar noch ein steiler Abstieg auf uns wartete es aber keinen schwindelerregenden Anstieg mehr geben würde, hatte uns Mut und Tatendrang zurückgegeben. Das ging so weit, dass wir die letzte halbe Stunde erleichtert gut gelaunt geplaudert und über uns selbst gelacht haben.



Die beiden klitzekleinen Strände der des Klosters sind nur zu Fuß oder per Boot zu erreichen. Fast alle Badegäste entscheiden sich für die letzte Variante, denn es gilt, einen bequemen Platz zu ergattern. Der Ort war unglaublich schön. Das Wasser war kristallklar und man konnte den Meeresboden mit kleinen Fischen sehen. Die Atmosphäre war entspannt, fast träge. Wer hungrig war, konnte im Restaurant einen Happen essen oder einen Espresso trinken und dabei den Wellen zusehen, wie sie die Felsen umspülen. Kein Zweifel, die Leute hier wissen, wie man die Oktobersonntage angenehm gestalten kann.

Irgendwann erinnerte uns Francesco daran, daß es an der Zeit war, nach Santa Margherita zurückzugehen, diesmal aber nicht zu Fuß, sondern per Boot. Unsere erleichterten Seufzer waren nicht zu überhören und der Rückweg auf Deck mit den letzten Sonnenstrahlen und der leichten Brise fühlte sich wie eine stille Umarmung an.

Der Weg den unser Bergführer organisiert hatte, war in der Tat steil, anstrengend und schwierig, aber er hat uns auch wirklich zu einem atemberaubenden Panorama geführt, das wir nie vergessen werden. Dafür vielen Dank.
Francesco’s nächster Ausflug ist nach Lerici geplant. Ob ich dabei bin? Was für eine Frage…
Inviato da iPad
Ruth Recher
Traumhafte Wanderung , so schön ist unsere Welt. Mit dem Bericht dazu rede ich mir ein dabei zu sein !!!
Agnese
Wer weiß, ob es irgendwann nicht doch klappt und Ihr mitkommt.