Am Anfang war ich mir nicht ganz sicher, ob es klug war, einen Artikel über dieses delikate Argument zu schreiben. Bin ich wirklich die richtige Person dafür? Straniera (für Italiener bleibt ein Ausländer immer ein „Fremder“), Frau und aus Nordeuropa. Aber das Leben hat mich mit einer ordentlichen Portion Mut ausgestattet und außerdem ist das Thema einfach zu reizvoll!
Also… 150-jähriges Jubiläum der Einheit Italiens? Was um Himmels Willen heißt das denn und vor allem, wer feiert und warum? Wenn man davon ausgeht, dass die Italiener vom 3. Jahrhundert v.Ch. bis weit ins 18. die Nation war, die zwei Dritteln der weltweiten Bevölkerung Kunst, Kultur und Wissenschaften gelehrt hat, hört sich die „Einheit Italiens“ irgendwie seltsam an. Wie kann man ein solch kreatives, mitunter geniales Volk in armselige
einundzwanzig Regionen zwängen? Der tiefere Grund für diese Entscheidung ist in der Zerstörung des Römischen Reiches zu suchen, hat aber auch mit den wiederholten Okkupationen im Laufe der Geschichte und politischen Strategien zu tun. Das steinalte, oft gegen seinen Willen mit allen Wassern gewaschenes Volk hat die Vereinigung im Großen und Ganzen gelassen hingenommen (Südtirol etwas weniger…). Das Ganze durfte nur nicht zu tief in die Privatsphäre des einzelnen Mitbürgers eingreifen. Denn wenn das Volk als gemeinschaftliche Gruppe diese relativ neue Realität akzeptiert hat, lebt doch in jedem einzelnen Mitbürger ein Mensch, der immer und auf jeden Fall das tun wird, was er will; was nicht unbedingt bedeutet, dass es dem entspricht, was das Heimatland von ihm erwartet. Und je mehr das Vaterland drängt, desto weniger wird er den an ihn gerichteten Forderungen
nachkommen. Das italienische Volk liebt und hasst sein Land denn auch inniglich auf die gleich starke Weise. Diese Widersprüche haben einerseits zu einer beachtlichen Mischung aus starkem Patriotismus und Solidarität und andererseits zu ausgeprägtem, ins Extreme gehenden Individualismus geführt. Italiener verfügen über einen hohen Lebensstandard, den sie tagtäglich voll genießen könnten, aber es scheint sie nicht besonders zu interessieren. Sie importieren mitunter qualitativ minderwertige Nahrungsmittel aus anderen Ländern, kämpfen aber bis an die Zähne bewaffnet um ihre typisch italienische Produkte, wenn ein Nicht-
Italiener es wagt, das eine oder andere Lebensmittel zu imitieren. Sie sind stolz auf ihre Ferraris, Lamborghinis und Alpha Romeos, kaufen aber BMW, Mercedes, Porsche und Volkswagen. Sie wissen um die exzellente, italienische Mode, kaufen ihre Kleider jedoch in internationalen Ladenketten. Sie sind von der Schönheit ihres Landes begeistert, verbringen aber ihre Ferien im Ausland. Sie schämen sich dafür, Italiener zu sein, und würden gerne anderswo leben, aber um das Jubiläum gebührend feiern zu können, verkaufen Supermärkte fünftausend italienische Trikoloren in zwei Stunden! Die Italiener sind sich der ungleichen Welt, in der sie leben, völlig bewusst. Die Hälfte der Bevölkerung ist politisch rechts orientiert, die andere links. Norditalien würde sich gerne vom Süden trennen. Ein beträchtlicher Teil glaubt an den Fortschritt, gleich viele bleiben tief bodenständige Traditionalisten. Alle wissen, dass eine Verständigung auf Englisch, Französisch oder Deutsch nötig ist, halten aber stur an ihrer Muttersprache als einziges Kommunikationsmittel fest. Und sie würden jeden, der sie auf diese Unvereinbarkeiten aufmerksam macht, einladen, Italien zu verlassen und ins eigene Heimatland zurückzukehren. In Wahrheit ist es ein Wunder, dass das italienische Volk es geschafft hat, tausendachthundertsiebenunddreißig Monaten zusammen zu bleiben.
Persönlich glaube ich, dass die Italiener nicht vorhaben, die Wiedervereinigung ihres Landes zu feiern, sondern vielmehr sich selbst; ein einzigartiger, großzügiger, leidenschaftlicher, patriotischer, sturer und warmherziger Menschenschlag, den es nirgends sonst auf der Welt gibt. Und das ist es, warum wir die Italiener so lieben…denn verstehen können wir sie beim besten Willen nicht!
16. März 2011
Anneliese Rabl …. finding a life in Tuscany














Would love to read you comment…in English, German, Italian or French…
Ho viaggiato molto e ho vissuto all’estero per molti anni; questo ha creato in me un’imagine diversa dell’Italia e dei sui abitanti che avevo da piccolo. Questo articolo riassume in modo intelligente e conciso il nostro paese e rispecchia l’opinione che ho sull’Italia e italiani in genere.
As a person who has had the pleasure to work with and for a large Bolognese company for nearly twenty years now, I can heartily certify all comments which Anneliese has so poetically made. It must however take a high level of diplomatic aclimatisation to actually live in Italy as a “straniera” on a 24/7 basis. A Dutch colleague of mine made this experience. Both he and I (and many other colleagues too) who spend thirty to fifty percent of our time in Bologna, Firenze, Milano etc. always have the feeling of being very welcome every time we travel to Italy, almost like “returning into the arms of the familia”. The Dutch colleague who moved there on a permanent basis soon realised that although we never noticed it, our Italian colleagues were just as glad to see us return home!! Nothing personal, but we were welcome as “guests”. Upon moving to Bologna, buying a house, etc. etc. the colleague experienced a kind of “animosity” almost. He was given the feeling that he was “stealing” an existance which should have been the privilage of an Italian. He left again and everything went back to “normal”. I personally love the genuine collegiality, warmth, humour, and indeed “humanism” (menchlichkeit) which I am allowed to enjoy there. Forza Italia !!